Wie die Zeit vergeht

Ich kann mich noch erinnern, als wenn es gestern wäre, wie ich vor nun schon etwa 8 Monaten im Flieger saß und gespannt war, was auf mich zukommen würde. Rückblickend hatte ich trotz aller Vorbereitung und Beschäftigung mit China nur den geringsten Hauch einer Ahnung von dem, wie es wirklich geworden ist. Die Schule, das Essen, die Menschen, die kulturellen Verschiedenheiten, die Regeln der Höflichkeit, die Sprache, all das ist zu einem großen Teil anders als meine Erwartung. Und auch wenn ich bei einigen Themen (z.B. Gesicht wahren) gerade erst beginne zu verstehen, was damit gemeint ist, sitze ich jetzt in meinem Office in der Schule, kann mir gar nichts anderes mehr vorstellen als das Leben hier und würde auch behaupten, dass ich mich – zumindest ein wenig – integriert habe. Nicht nur, weil ich mittlerweile auch den ganzen Tag Tee trinke und mit Stäbchen esse, sondern auch in dem sozialen Umgang. Die zwischenmenschlichen Feinkniffe bleiben mir zwar teilweise immer noch ein Rätsel, aber die Grundprinzipien meine ich verstanden zu haben. Kurz gesagt wird der größte Fokus darauf gelegt, dass niemand sein Gesicht verliert. Das passiert zum Beispiel bei einem Irrtum, einer peinlichen Situation oder einem unangebrachten Gefühlsausbruch. Um das Gesicht zu wahren, wird deshalb darauf geachtet, solche Situationen zu vermeiden oder sie “zu vertuschen”.

Bei dem Besuch meiner Eltern zum Beispiel wurden wir von meinem Chef zu einem Essen eingeladen. Ein sehr gutes Restaurant, bei dem man bevor die normale HotPot Prozedur beginnt, etwas kleineres Steak in den HotPot1 legt, was hier sehr ungewöhnlich ist und sogar mit Messer und Gabel gegessen wird. Als nun das fertige Steak aus dem Hotpot genommen wurde, fiel beim Verteilen auf, dass ein Stück Fleisch zu wenig dabei war. Deshalb musste einer von uns leer ausgehen und das war natürlich ich 🙂

Da dieser Irrtum aber eigentlich einen Gesichtsverlust bedeuten würde, wurde er nicht nur nicht angesprochen sondern man begann mit dem Essen als wäre nichts geschehen. Hier würde man in Deutschland vermutlich einfach ein weiteres Stück Fleisch bestellen, aber wir sind ja nicht in Deutschland 🙂

Die Reaktion meiner Eltern und auch von Tobi und Tim war natürlich dann das eigene Steak zu Teilen, was wir auch getan haben, sodass ich auch etwas probieren konnte. Zu meiner Überraschung fingen dann auch mein Chef und die anderen Chinesen, die dabei waren ohne offensichtlichen Grund an ihre Steaks zu schneiden und miteinander zu teilen (was einen Austausch von dem gleichen Steak bedeutete). An dieser Stelle bin ich immer noch nicht ganz sicher wie es zu deuten ist, aber meine Vermutung wäre die folgende:

Da das Teilen des Steaks, um mir auch etwas zu geben, den Irrtum aufzeigen würde und somit wieder Gesichtsverlust bedeutet hätte, begannen auch die Chinesen das Teilen des Essens – was unter anderen Umständen auch ein Ausdruck von Freundschaft sein kann, in diesem Fall aber wenig Sinn ergeben würde – als wäre es in diesem Moment die Normalität.

Dazu sei noch gesagt, dass diese Höflichkeit in Situationen mit Freunden unter inoffiziellen Umständen oft lockerer genommen wird.

Ich bräuchte vermutlich noch einige Jahre und ein besseres Chinesisch, um diese Umgangsart komplett zu verstehen und wäre selbst dann wahrscheinlich noch nicht vor Fehlern sicher.

Bevor der Text jetzt ein komplettes Durcheinander wird, fange ich aber lieber am Anfang an und versuche ein bisschen zu berichten, was seit meinem letzten Bericht noch so passiert ist.

Ende Januar (auch schon wieder drei Monate her) hatten wir mit dem Zwischenseminar eine Art Bergfest unseres      Freiwilligendienstes. Dort haben wir zunächst mit “unserer” chinesischen Organisation Amity noch ein wenig das Unterrichten reflektiert und sind dann zu einem Projektbesuch in das Dorf PeiTian gefahren. Dort haben wir unter anderem mit Faltschnittpapier (Foto rechts), Papierherstellung und – druck ein wenig traditionelle Kunst kennengelernt und ein Englisches Ferienprogramm für Grundschüler gestaltet. Vor allem die Warm-Up Songs zu Zahlen von 1-5 und „up/down“ haben mir sehr viel Spaß gemacht, gerade weil die Kinder alle super süß waren und teilweise ihre ersten englischen Wörter gelernt haben.

Außerdem ist das Dorf im Vergleich zu den anderen Städten in denen ich war noch sehr traditionell und gut erhalten, sodass wir auch mal einen Eindruck von der ursprünglichen Art zu wohnen bekommen konnten, was als Tourist und auch in Yumen selbst für uns sonst nicht möglich ist.

Neben dem alten Teil gab es aber auch hier schon einige Neubauten und die Innovation und Erneuerung war auch in diesem Dorf schon zu spüren.

Im Anschluss an das Amity Seminar kam dann das Seminar der deutschen Organisationen, bei dem wir einen Rückblick auf das erste halbe Jahr geworfen haben und die zweite Hälfte und ,auch wenn er noch sehr weit weg war, schon den Abschied in China/das Ankommen in Deutschland besprochen. Daneben haben wir in Teams einen Fallschirm für ein Ei gebaut (Foto ohne Fallschirm rechts), was sehr witzig war und einen sehr leckeren HotPot gegessen. Als Tobi und ich den Salat der normalerweise auch in den HotPot getaucht wird, roh gegessen haben, wurde uns gesagt, wir seien wie Hasen, weil auf die Idee sonst niemand kommen würde (unten). Das Seminar war sehr interessant und wir hatten eine schöne Zeit mit der Gruppe.

Was außerdem noch sehr schön an dem Seminar war, war das Wetter. Xiamen liegt direkt am Meer, so war die Luft im Vergleich zu Yumens trockener Wüstenluft sehr angenehm und daneben gab es viele leckere Früchte, die man überall kaufen konnte (Xiamen liegt im Süden Chinas).

Dazu gehört zum Beispiel auch die sogenannte Budda Hand (unten). Mit der Erwartung an eine leckere exotische Zitrusfrucht habe ich diese zu einem sehr überteuerten Preis gekauft, nur um dann festzustellen, dass die Frucht komplett bitter ist. Das Internet klärte mich dann darüber auf, dass die Frucht zu Dekozewecken, nicht aber zum Essen gedacht ist.

Die ansonsten aber wirklich leckeren Früchten waren auch in der nächsten Zeit, in der ich dank der Ferien noch Reisen konnte, weiter eine Freude. Neben viel schöner Landschaft und Tempeln, waren für mich das beste Erlebnis die Pandas in Chengdu. Dort gibt es eine Forschungsstation, in der die bedrohte Tierart und ihre Fortpflanzung (selbst dafür sind die Tiere zu faul) erforscht wird und die Tiere von täglichen Touristenhorden angeschaut werden können. Neben den witzigen Schildern “The panda is not lazy, it’s just energy efficient” und interessanten Informationen war natürlich das Angucken dieser Tiere das größte Vergnügen.

Eine Hälfte des Tages isst der Panda, die andere Hälfte wird verdaut und ausgeruht. Dementsprechend entspannt liegen die Pandas auch schon beim Essen auf dem Rücken und krümeln den Bambus über ihren Bauch.

Zu den Erfahrungen und Eindrücken des Reisens, kommt dazu, dass auch das Chinesisch während dieser Zeit sehr viel besser geworden ist. Das liegt vor allem daran, dass ich im Vergleich zu der Zeit in Yumen sehr viel mehr Chinesisch gesprochen habe und die meisten Chinesen auch nicht so gut Englisch sprechen konnten, dass ich auf diese für mich komfortablere Sprache hätte wechseln können. Dies war natürlich auch nach der Rückkehr nach Yumen ein großer Vorteil, da es nicht nur die Kommunikation mit anderen Lehrern oder Freunden erleichterte, sondern vor allem auch das Erklären während des Unterrichts um ein Vielfaches einfacher machte. Ob es darum geht ein bisschen Grammatik oder einfach das Prinzip von Spielen zu erklären, ist das langsam besser werdende Chinesisch wirklich hilfreich und spart vor allem auch Zeit.

Was mir bei der Sprache aber vor allem im Vergleich zum Französisch oder Englisch lernen auffällt, ist das das Sprechen zurzeit sehr viel einfacher ist, als das verstehen. Vor allem im Unterricht kann ich den Schülern zwar Dinge erklären, aber bei Rückfragen oder anderen Kommentaren habe ich häufig Schwierigkeiten, weil unter anderem fast immer Wörter benutzt werden, die ich noch nicht gelernt habe. Das Niveau ist auch insgesamt noch immer nicht super hoch, aber zumindest einfache Gespräche sind mehr und mehr möglich und auch einige Satzfetzen kann ich bei Geprächen unter Chinesen mittlerweile verstehen. Der tägliche Chinesischunterricht war dabei auf jeden Fall sehr hilfreich, auch wenn er zu dem Großteil daraus besteht, das Tobi und ich Texte (in Chinesischen Zeichen) aus unserem Lehrbuch laut lesen und die Vokabeln dazu lernen.

Entgegen meiner im Nachhinein eher naiven Erwartung nach etwa einem halben bis dreiviertel Jahr die Sprache einigermaßen zu beherrschen und zumindest nicht mehr aktiv lernen zu müssen, ist auch jetzt das Vokabeln lernen und Aussprache üben noch nötig um Fortschritte zu machen. Das liegt natürlich unter anderem daran, dass das Unterrichten, also meine Hauptaufgabe hier auf Englisch ablaufen muss, auf der anderen Seite kann man Chinesisch lernen auch nicht sehr gut mit Französisch oder Englisch vergleichen, da es sehr viel weniger Ähnlichkeiten zum Deutschen gibt und auch noch die Schriftzeichen dazu kommen. So bräuchte ich vermutlich noch ein weiteres Jahr, um zumindest ansatzweise fließend Chinesisch zu Sprechen.

Ich muss trotzdem sagen, dass ich sehr froh bin, nicht mehr wie am Anfang alles in meinen Übersetzer eintippen zu müssen und bei Antworten oder Rückfragen auch wieder auf eine Übersetzung angewiesen zu sein. Vor allem mit den vielen Redensarten, leckerem Essen/Rezepten schönen Liedern und einem unglaublichen Angebot an Serien und Filmen, fängt Chinesisch gerade erst an richtig Spaß zu machen und da geht das Jahr auch schon dem Ende zu.

Ähnliches gilt auch für das Unterrichten. Auch wenn die Schüler in der ersten Zeit noch sehr viel aufmerksamer waren, weil der ausländische Lehrer mit seinen komischen Spielen so ungewohnt war, ist auch das Unterrichten interessanter und spaßiger geworden. Nicht nur, dass ich jetzt mehr Erfahrung im Unterrichten selber und bei der Auswahl an Spielen habe, sondern vor allem auch, dass ich dank der Sprache ein bisschen mehr von den Schülern erfahren kann und auf ihre Probleme beim Englisch lernen eingehen kann. Außerdem natürlich auch versuchen kann, Witze auf chinesisch zu machen. Mal mehr mal weniger erfolgreich.

Ich genieße also jetzt noch die letzten Monate in China mit seinem günstigen, leckeren Essen, HotPots, KTVs (Karaoke), den Heißwasserspendern an jeder Ecke, den leckeren Früchten, den netten Kollegen an der Schule und Freunden außerhalb, dem “ohhhhh waiguoren (Ausländer)”, den karamellisierten Kartoffeln (Rezept kommt vielleicht noch), allen meinen Schülern, chinesischen Liedern und natürlich den 350 Tagen Sonnenschein im Jahr (wenigstens in Yumen).

Gleichzeitig freue ich mich aber auch schon wieder zurück nach Deutschland zu fahren, euch alle wieder zu treffen, mal wieder Pizza, Döner und richtiges Brot zu essen und Handball zu spielen.

Viele Grüße und bis bald

Euer Steffen

1So ähnlich wie das deutsche Fondue, nur mit Suppe (entweder scharfe Chilisuppe oder Pilz-/Tomatensuppe) statt Öl und auch viel Gemüse zum eintauchen

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