Ein Halbjahr Lehrer

Ich wusste, dass es eine Herausforderung wird, der Rollenwechsel vom Schüler zum Lehrer, vom Lernenden zum Lehrenden. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass Lehrer einer der wenigen Berufe war und ist, die ich in Zukunft definitiv nicht professionell ausüben will. Die ersten Erfahrungen als Nachhilfelehrerin hatte ich zwar schon gesammelt, dennoch war klar, dass es etwas anderes ist eine Klasse zu unterrichten.

 

Dass meine mangelnde Erfahrung nicht die einzige Hürde sein würde, stellte sich schon zu Beginn der ersten Stunde heraus. Zuvor wurden wir in einem zweiwöchigen Training auf unsere neue Rolle vorbereitet. Hierbei unterscheiden sich Leas und meine Aufgabe und die der anderen. Wir unterrichten jeweils nur eine Klasse und diese nicht in Englisch, sondern Deutsch. Ich unterrichte die Schülerinnen (es sind ausschließlich Mädchen) im ersten Jahr. Meine Hoffnung war, dass diese ein bisschen Englisch sprechen, oder zumindest eine Schülerin als Übersetzer helfen könnte. Das war nicht der Fall. Aber zum Glück hatte ich auf meiner PowerPoint-Präsentation alles übersetzt. Nun funktionierte aber der Beamer in dem Klassenzimmer nicht… Wie sollte ich so unterrichten?  Nachdem drei Lehrer erfolglos versucht hatten ihn zu reparieren, wurden wir zu einem anderen Klassenzimmer gebracht. Endlich konnte ich mich mit Hilfe meiner Präsentation vorstellen. Ich hatte ein paar Bilder meiner Hobbies und meines Heimatortes. Stopp! Wieso spricht mir auf einmal die ganze Klasse nach? Es echot aus 15 Mündern „Hallo, ich heiße Alisia Michel.“ Ich schaue sie an. Sie schauen mich an. Ich bin verwirrt. Bis mir wieder einfällt, dass es in China beim Erlernen einer Sprache üblich ist, dem Lehrer die neuen Wörter nachzusprechen. Also versuche ich mit Händen und Füßen zu erklären, dass wir gerade keinen Unterricht machen, sondern ich mich vorstelle. Ich denke sie haben verstanden und mache weiter: „Meine Hobbies sind…“ Da wiederholen plötzlich wieder alle, was ich sage. Nach gefühlt 10 Minuten hat dann eine Schülerin verstanden, was ich ihnen mitteilen will und hat es der Klasse erklärt. Der Rest der Stunde lief dann verhältnismäßig ruhig. Wir haben deutsche Namen verteilt, uns mit dem ABC auseinandergesetzt und erste deutsche Begrüßungen gelernt. Sie benutzen die deutschen Namen auch im anderen Deutschunterricht, was mich wirklich freut.

 

Meine ersten Stunden waren wirklich akribisch geplant. Ich wollte meinen Schülerinnen unbedingt das perfekte Lernerlebnis bieten. Also kreativ und spaßig mit viel Fokus auf das mündliche, wir sollen nämlich „Oral German“ unterrichten. Das mit dem „oral“ gestaltet sich etwas komplizierter, wenn die Schüler noch keine deutschen Wörter kennen. Unerfahren wie ich war und darauf bedacht die 100 Minuten mit möglichst viel neuem kreativem Input auszufüllen, habe ich in den ersten zwei Wochen viel zu viele Themen verarbeitet. Aber was soll man sonst machen, wenn man kein nützliches Material und keine Erfahrung hat und trotzdem 600 Minuten füllen muss? Ich habe in dieser Zeit mal eine der anderen Lehrerinnen gefragt, was sie die ganze Zeit macht. Sie antwortete, dass sie sich für die nächste Stunde das „ö“, das „eu“ und das „äu“ vorgenommen hatte. Da war ich gelinde gesagt wirklich überrascht. Wie kann sie denn damit 100 Minuten füllen? Bis mir klar geworden ist, wieso sie es kann und ich nicht: Sie spricht Chinesisch. Die einheimischen Lehrer verbringen viel Zeit mit Erklärungen. Eine andere Lehrerin meinte auch einmal, dass es mir nichts bringen würde ihrem Unterricht zuzusehen, da er auf Chinesisch wäre. Was mache also ich im Unterricht? Durchgehend Übungen und Beschäftigungen für meine Schülerinnen. Den Fokus auf „oral“ versuche ich beizubehalten, aber es müssen auch viele schriftliche Übungen sein, um die Zeit zu füllen.

 

Die Zeit füllen. Deshalb war das planen der Stunden immer sehr anstrengend und zeitintensiv, denn im Vergleich zu den anderen Freiwilligen hier haben wir kein Material von Vorgängern zur Verfügung, wenn wir mal keine Ideen haben. Wir sind die ersten am College. Eine erfahrene Lehrerin, die uns schon beim Training zur Seite stand, besorgte uns dann Bücher. Mittlerweile verwende ich auch sehr viele Übungen aus diesen.

 

Dennoch gab es in den ersten paar Monaten oft Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob ich das wirklich ein Jahr schaffe. Auch oft Ärger und Frust: Wieso hatte ich diese anstrengende Stelle, während meine Freundinnen hier sich teilweise über Langeweile beklagten. Einer dieser Momente war, als meine Freundinnen mir ein selbstgemaltes Bild vorbei brachten. Ich war wirklich dankbar, denn es ist ein sehr schönes Bild, aber wenn man sich gerade fragt, wie man die Woche überstehen soll, weil einem schon jetzt nichts mehr für die nächste Stunde einfällt, aber noch drei weitere die Woche folgen und einem dann berichtet wird, dass die anderen nicht wussten, was sie mit dem Tag machen sollen und deshalb Wachsmalstifte kaufen gegangen sind und ein Bild gemalt haben, dann ist man einfach frustriert.

 

Meine Situation ist aber mit der Zeit besser geworden. Das liegt zum einen daran, dass mich die anderen Freiwilligen unterstützt haben. So sind beispielsweise immer mal wieder Freundinnen mit in den Unterricht gekommen. Manchmal einfach nur als seelische Unterstützung und Motivation, aber auch das hat geholfen, oder indem sie als Jury bei meinem alle zwei Wochen stattfindenden Aussprache-Wettbewerb fungiert haben. Zum anderen hat sich meine Einstellung zu meiner Arbeit und meiner Rolle geändert. Ich bin kein Lehrer und ich sollte mich deswegen nicht so sehr unter Druck setzen. Das war mir am Anfang einfach nicht bewusst. Alles an meinen Stunden sollte perfekt sein, aber das ist bei der Stundenanzahl in der Woche einfach nicht zu leisten. Ich habe mich damit abgefunden, dass meine Schülerinnen auch mal schriftliche Grammatik-Übungen machen müssen, die nicht so spaßig sind. Ich kann nicht für jede Stunde Flash-Cards basteln, oder Bilder ausdrucken. Meine Stunden basieren jetzt hauptsächlich auf Übungen, die ich aus dem Buch abfotografiere und dann mit den Schülerinnen an der Tafel löse. Außerdem häufig Dialoge und auch mal ein kleines Theater. Ich bin lockerer geworden, was den Ablauf der Stunde angeht. Ich nehme mir mehr Zeit, um individuelle Fehler zu verbessern. Wir weichen auch schon mal vom eigentlichen Thema ab und klären irgendeine Grammatik-Frage, die sie besonders beschäftigt. Einmal war es zum Beispiel auch ein großes Anliegen der Klasse einen deutschen Liebesbrief für eine der Schülerinnen zu verfassen. Für so etwas hat man dann zum Glück Zeit und mittlerweile sind es auch nur noch 500 Minuten pro Woche.

 

Meine Schülerinnen sind wirklich süß. Obwohl alle zwischen 18 und 23 Jahren alt sind, komme ich mir doch oft vor wie in einer 6. Klasse. Seit wir das Wort verliebt können ist eines der beliebtesten Gesprächsthemen in der Pause, wer denn angeblich in wen verliebt sei. Da merke ich auch immer wieder, dass ich zu meinen Schülern keine normale Schüler-Lehrer-Beziehung habe, sondern das ganze doch eher auf freundschaftlicher Ebene abläuft. Trotzdem fühle ich mich irgendwie älter (zwischenzeitlich sogar wie 40, obwohl ich ja gar nicht wissen kann, wie man sich mit 40 fühlt). Wenn dann eine meiner Schülerinnen an die Tafel kommt und ich mir denke „Ach Gott, wie süß, ja sie hat’s richtig gelöst, sind ja schon richtig gut meine kleinen.“ und mir wenig später einfällt, dass sie zwei Jahre älter ist als ich, muss ich schon mal über mich selbst schmunzeln. Aber mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe kommt einfach das Gefühl viel älter zu sein. Das hat sich dann auch auf meine Freizeit ausgewirkt. Ich las auf einmal keine Fantasy-Bücher mehr über 17-jährige Heldinnen, sondern da war die Hauptperson auf einmal die 30-jährige Karrierefrau, die sich fragte, ob sie noch heiraten und Kinder wolle. Als ich dann angefangen habe mir über Sachen wie Menopause Gedanken zu machen, haben mich meine Freundinnen endgültig ausgelacht. Hilfreicher Kommentar meiner Mutter: „Vielleicht ist das deine Art von Midlifecrisis“. Mit 19?! Nein danke. Es ist zum Glück mittlerweile auch alles wieder normal. Ich fühle mich wieder wie 19 und lese wieder Fantasy.

 

Indes ging es im Unterricht auch schon mal ums Kinderkriegen, aber auf andere Art und Weise. Aufgabe war es Sätze mit Lebensmitteln zu bilden. Also fingen sie an mit „Die Kuh macht Milch.“ und darauf folgte „Das Huhn macht Ei.“ Sie konnten es nicht wissen, aber man sagt „Das Huhn legt ein Ei.“ Nachdem das geklärt war, schoss es aus einer Schülerin heraus: „Die Frau legt ein Baby!“ Ich war so überrascht über diesen Satz, den sie sich aus dem vorherigen Satz erschlossen hatte, dass ich erstmal aus dem Lachen gar nicht heraus kam. Natürlich wurde das dann auch noch richtig gestellt, aber es ist bis heute einer meiner Lieblingssätze aus dem Unterricht. Genauso wie Sabines Geschmack bei Getränken. Sie trinke ja gerne „Oma-Milch“, was sie dann noch auf Muttermilch verbesserte. Ich glaube ja immer noch, dass sie das nicht ernst gemeint hat, dennoch fällt das Thema jetzt jedes Mal auf Muttermilch, wenn es darum geht, was sie mag.

 

Deutsch ist schon eine schöne Sprache. So intensiv wie dieses Halbjahr habe ich mich noch nie mit meiner Muttersprache befasst und die Frage die ich mir am häufigsten gestellt habe war: Spricht man das wirklich so aus, oder ist das mein Dialekt? Ich spreche die Vokabeln nämlich vor. Als es dann zu der Zahl 6 kam war ich wirklich verwirrt. Spricht man das „ch“ oder nicht? Ich spreche es ja normalerweise nicht, aber wenn man jetzt im Hochdeutschen „Sex“ spricht heißt das ja eigentlich Geschlechtsverkehr. Wahrscheinlich spreche ich das nur wegen meinem Dialekt so aus. Also habe ich meinen Schülerinnen sechs beigebracht. Mal wieder ein Grund für meine Freundinnen mich auszulachen. Man spricht das „ch“ offensichtlich nicht aus. Im Nachhinein doch ganz klar, aber in dem Moment eine kleine Sinnkriese. Bei der Frage einer anderen Lehrerein bin ich dann auch verzweifelt: Sprich man bei Zahlen wie dreißig ein „g“ oder ein „ch“ am Ende? Die Antwort einer der Mitfreiwilligen: „g“ wenn die Zahl alleine steht, „ch“ in einem Satz. Über solche Dinge hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht! Ich habe einfach gesprochen! Auch in der Zeit, als ich den Unterricht ohne Buch geplant habe, musste ich mir auf einmal Gedanken über Grammatik machen. Die ist im Deutschen ja gar nicht so leicht. Das war mir zuvor auch nicht so richtig bewusst. Alles in allem eine sehr interessante Erfahrung, für die ich äußerst dankbar bin.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.